21.Nov.2017 | 09:01:41
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Großglockner Hochalpenstraße - Die Zweite

Der Traum geht weiter

Wir haben es wieder getan - nach nur zwei Monaten Training (nach 16 monatiger Abstinenz) und 10 kg weniger auf den Rippen (aber noch immer mindestens 10 zuviel) haben wir es gewagt, eine Blitztour in die Alpen zu unternehmen. Ziel war, noch in diesem Jahr einen Alpenpass mit dem Rad zu fahren. Da nur dieses eine Wochenende in Frage kam (auch wegen meines Geburtstags) und die Wetterprognose für das Stilfser Joch (unser Favorit) nicht gut war, ja nur an der Großglockner Hochalpenstraße gutes Wetter vorhergesagt wurde, fiel die Entscheidung recht einfach: Wir fahre wieder unsere alte Bekannte von 2007 hoch!

Doch haben wir diesmal noch einen drauf gelegt: Nicht nur bis zum Fuscher Törl wie letztesmal sollte es gehen, sondern hinauf zur Edelweißspitze, also noch einmal 100 Höhenmeter mehr mit durchschnittlich 14% Steigung.

Und es hat geklappt - sogar erstaunlich gut. Welch ein erhebendes Gefühl auch Tage danach noch! Und genau dafür macht man so etwas…

Die Expedition begann eigentlich schon am Dienstag, dem 15.09.2009. Nach Auswertung der Wetterprognose für das Wochenende entschieden wir, für den Rest der Woche frei zu machen und noch eine Trainingseinheit quasi als Generalprobe für Mittwoch einzuplanen. Die fuhren wir dann auch, zweimal den Melibokus hoch also insgesamt ca. 800 Höhenmeter.

Und es ging so gut, daß es keine Veranlassung gab, unsere Entscheidung für die grosse Alpentour zu überdenken. Der Samstag konnte kommen. Am Freitag nach Schulschluß ging es los Richtung Stuttgart, wo unsere beiden Kinder untergebracht wurden. Falscher Tag und falsche Uhrzeit - es staute ganz heftig.

Nach Kinderübergabe ging es gleich weiter Richtung Gasteiner Tal zu unserem Quartier beim Bruder. Ab Stuttgart ging es dann erstaunlich flott und ohne Staus bis kurz vor Rosenheim. Jedenfalls schafften wir die Strecke in einer normalen Zeit und waren gegen 20:45 Uhr am Ziel. Böse Überraschung beim Abschnallen der Fahrräder: Der tags zuvor geflickte Reifen hatte nicht gehalten und ich musste am Abend noch schnell "nachflicken". Uns fehlten jedoch Ersatzschläuche für die Fahrt, vor der Abreise war die Zeit zu kurz gewesen, noch welche zu besorgen. Eine Zeit lang überlegte ich, ohne Ersatzschlauch zu fahren, da ja nicht wieder was passieren würde(!?). Jedoch die Vernunft (oder Risikoscheu) obsiegte und am Samstag kurz vor Abfahrt Richtung Fusch hielten wir noch kurz im Fahrradladen und besorgten zwei Schläuche. Was ein Glück!

Um 8:45 waren wir dann auf dem Weg Richtung Großglocknerstrasse. Wir wussten, daß die Straße erst ab 10 Uhr für den Verkehr geöffnet sein würde, da just an diesem Wochende die Weltmeisterschaft für Oldtimer-Traktoren ausgetragen wurde. Etwas Sorge hatten wir, ob wir einen Parkplatz finden würden, da mit starkem Besucherandrang zu rechnen war. Doch die Sorge war unbegründet, an der Mautstation Ferleiten hatten wir sofort einen Standplatz für unser Auto gefunden.

Es hatte sich vor der Mautstation schon eine lange Schlange von Fahrzeugen und Motorrädern gebildet, die alle ungeduldig auf das Öffenen der Schranken warteten. Wir entschieden uns dafür, noch etwas zu warten, um die erste grosse motorisierte Welle davon ziehen zu lassen. Dann kurz nach 10 ging es los. Das Wetter war herrlich, sommerlich warm und ich war voll des Lobes über "wetter.com". Die hatten nämlich die ganzen Tage vorher schon die richtige Prognose geliefert, alle anderen Wetterportale, die wir "konsultiert" hatten, waren sehr widersprüchlich gewesen. Also für die Zukunft wird "wetter.com" das Portal unseres Vertrauens sein.

Kurz nach der Abfahrt - und bereits voll in der Steigung mit 12% - mussten wir schon stehen bleiben. Wir waren viel zu warm angezogen und mussten uns der Jacken entledigen. Beide hatten wir zudem einen Rucksack mit Klamotten für alle Wetterlagen - in der Höhe weiß man ja nie, was einen erwartet. Im Nachhinein war es unnötiger Balast, den wir 1500 Höhenmeter mitgeschleppt haben, aber das weiß man erst hinterher. Dann ging es weiter, mit ca. 5km/h. Wenn man von Ferleiten los fährt, hat man den Nachteil, daß man sofort in die Steigung "einsteigt" ohne richtig warm gefahren zu sein. Deswegen dauerte es ca. 2km bis wir unseren Rythmus gefunden hatten.

Kurz nach dem Einstieg in den Anstieg kamen uns schon die ersten Traktoren entgegegen. Die waren schon ab morgens um 6:00 hochgefahren und machten sich nun auf die Abfahrt. Anfangs waren wir auch sehr begeistert von den wunderschönen alten, auf Hochglanz polierten Maschinen. Und das es einige werden würden war uns klar. Nur das es soviele dann sein sollten (wenn die Startnummeren chronologisch vergeben worden sind, dann waren es ca. 800!) konnte keiner ahnen und am Ende des Tages hatte ich einen furchtbaren Hass auf alles was nach Traktor aussah, laut war und stank (siehe auch Motorräder). Wir konnten sie nicht mehr sehen, hören und und vor allem riechen. Ich glaube in meinem ganzen vorherigen Leben nicht so viele Abgase eingeatmet zu haben, wie an diesem einen Vormittag. Und das in einem Nationalpark, der Natur pur verspricht. Es war die Pest!

Jedenfalls mussten wir damit leben und fuhren unseren Stiefel mehr oder weniger stoisch runter. Bei ca. 1800m Seehöhe (Parkplatz Hochmais) machten wir unsere erste Pause mit Banane und Müsliriegel. Das tat richtig gut und danach ging es wieder munter weiter. Kurz vor der "Hexenküche" (2000m ü. d. M.) hatte ich meinen ersten kleinen Durchhänger, doch mit Hilfe der etwas flacheren Kehren war der schnell überwunden.

Ca. 1km vor dem Fuscher Törl (2300 ü. d. M.) machten wir den zweiten ganz kurzen Stopp, um die Beine etwas auszuschütteln. Wir hatten im Vorfeld schon mal darüber gesprochen, eventuell die Stichstraße zur Edelweißspitze zu fahren und nicht wie beim letzten mal "nur" bis zum Fuscher Törl. Im Internet hatte ich einen kurzen Bericht zu der Stichstraße gelesen (knapp 2km mit ca14%) und wußte, daß es eine richtige Herausforderung sein würde, zumal man ja schon eine mehrstündige, schwere Auffahrt in den Beinen hat. Aber das Bild des Autors des Berichts unter dem Schild der Edelweißspitze hatte es mir angetan und ich wußte, daß ich unbedingt auch so ein Bild haben wollte. Wir hatten bei unserem kurzen Gespräch beschlossen, das Hochfahren von unserer Verfassung abhängig zu machen. Leider versäumten wir es, bei diesem letzten Zwichenstopp noch mal kurz darüber zu beraten.

Und nun kam der Abzweig. Natürlich war ich schon müde, jedoch dachte ich, wenn ich erst zum Törl hoch fahre, schaffe ich es vielleicht nicht mehr, mich für diese Schinderei zu motivieren. Also wenn, dann gleich! Und so bog ich links ab. Frauchen war erstmal ganz sauer, da wir das nicht abgesprochen hatten und sie mental uaf das Törl fixiert war. Für Diskussionen war keine Zeit, es ging nämlich gleich in die Vollen mit 14%. Hier kam dann ziemlich schnell der Zeitpunkt, wo ich nur noch bis zur nächsten Pedalumdrehung vorausdenken konnte. Es war ein heftiger Kampf mit mir selbst. Stehen bleiben durfte ich nicht, da ich sicher war, nicht mehr die Kraft zu haben, weiterzufahren. So mußte ich die Aufforderung einer Gruppe von Leuten auf einem Traktor, ihnen doch eine Gruppenbild zu machen, einfach ignorieren, da zu keiner Ablenkung mehr fähig. Und nach der Wut, die sich in mir nach drei Stunden ununterbrochenem Traktorterror angestaut hatte, wäre das eh nicht in Frage gekommen.

Irgendwann mal war es dann soweit, ich war oben und konnte noch ein paar Bilder vom Schneckchen machen, wie es sich die letzten Meter hochquält. Das Lachen war uns beiden vergangen. Oben genossen wir allerdings den Triumpf. Es war eine erhebendes Gefhühl zu wissen, bis auf knapp 2600m hochgeradelt zu sein. Und dann die Aussicht: Umwerfend!

Doch zum Fuscher Törl, unser Ziel von vor zwei Jahren, wollten wir auch noch. Also machten wir uns auf die Abfahrt von der Edelweißspitze, Frauchen fuhr vor und ich musste noch mal schnell in die Büsche, da ich auf dem Kopfsteinpflaster jeden Pflasterstein in der Blase spürte. Jedenfalls wollte ich dann hinterherschiessen, um gemeinsem am Törl anzukommen, doch ich war noch nicht gut in den letzten Anstieg eingefahren, da merkte ich ein komplett verändertes Lenkverhalten meines Fahrrads: Platten am Vorderrad! Schon wieder - der dritte in drei Tagen. Den Reifen hatte ich schon mal gründlich untersucht, da steckte nichts! Ich konnte es nicht fassen. Also mußte ich die letzten 100m zum Törl hochschieben (was eine Schande). Wie dankbar war ich für die Eingebung nun, am Morgen doch noch beim Fahrradladen vorbeigefahren zu sein. Also half alles nichts, der kaputte Schlauch mußte raus und der neue rein. Etwas unangenehm, wenn man verschwitzt ist und der Wind in der Höhe pfeift. Nach wenigen Minuten war das Problem behoben und wir konnten uns in die Abfahrt stürzen.

Die verlief unspektakulär und sehr kontrolliert, so daß wir gegen 15:45 an unserem Auto waren - natürlich nicht ohne vorher noch unsere Glocknerkönig-Urkunde abzuholen. Die Zeit war irrelevant, da wir ja noch auf der Edelweißspitze waren und die Zeitnahme erst am Fuscher Törl erfolgt war.

Jedenfalls gönnten wir uns nach getaner Arbeit und herrlichstem Spätsommerwetter ein Tässchen Kaffee mit Apfelstrudel und Vanilleeis auf einer Terasse am Zeller See. Das und vor allem die Eindrücke der Fahrt: Gänsehaut pur!

Die Heimfahrt nach Stuttgart zu den Kindern verlief reibungslos, um 21:00 konnten wir sie umarmen. Die Weiterfahrt am nächsten Tag nach Hause war dann verkehrsmässig wieder eine Katastrophe, doch konnte die den Gesamteindruck des Wochenendes mitnichten trüben.

Es war das Wochenende in Vollendung! Schöner kann ich mir nicht vorstellen, meinen Geburtstag zu erleben. Dem Schnäuzelchen sei Dank!

Doch nun habe ich ein Problem. Das hatte ich mir zum Geburtstag gewünscht, Frauchen ist in zwei Wochen dran. Wie kann ich das topen? Meine zarte Nachfrage erhielt eine klare Antwort: Mit einer erneuten Tour über einen Alpenpass.

Silvretta - wir kommen! Wenn das Wetter paßt.

Autor: Gottfried D. OrendiErstellungsdatum: 21.09.2009
vom 28.09.15
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